Erinnerungsspuren. Ein persönliches Nachwort von Heinz Schott zu Ralf Forsbach: Die 68er und die Medizin (2012)

Als einer, der 1946 geboren wurde, habe ich die 68er “Studentenrevolte” sehr intensiv als junger Student zunächst in Heidelberg und dann in München miterlebt. Mein Auslandsstudiem an der University of Glasgow (1969/70) war wie ein Ferienaufenthalt auf einer ruhigen Insel.

Ich habe meine Erinnerungen an diese unruhige Zeit auf wenigen Seiten zusammengefasst, sie erschienen in:

Ralf Forsbach: Die 68er und die Medizin. Gesundheitspolitik und Patientenverhalten in der Bundesrepublik Deutschland (1960-2010). Göttingen: Bonn University Press (V&R unipress), 2011 (Medizin und Kulturwissenschaft; Bonner Beiträge zur Geschichte, Anthropologie und Ethik der Medizin; Bd. 5); S. 237-244.

Im Folgenden das ursprüngliche Manuskript, das nahezu unverändert so abgedruckt wurde:

ENTWURF!!

Heinz Schott

Erinnerungsspuren – ein persönliches Nachwort

zu Ralf Forsbach: „Die 68er und die Medizin“

Längst ist es soweit: Die 68er Studentenbewegung ist zum Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Forschung geworden. Ralf Forbach legt mit seinem Buch erstmals einen umfassenden Abriss über deren Verhältnis zur Medizin dar und schildert im Einzelnen ihre politischen Voraussetzungen, praktischen Interaktionen und langfristigen Folgen für das Gesundheitswesen. Der Autor gehört seinem Lebensalter nach zur „Generation Golf“, für das 68er Ereignis, wenn überhaupt, in die frühe Kindheit fiel und kaum mehr erinnert werden kann. Ich selbst wurde seinerzeit als junger Student von ihm unmittelbar ergriffen und tief geprägt. Angeregt durch die Lektüre der vorliegenden Studie möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar persönliche Anmerkungen anzufügen. Ich stütze mich dabei nicht auf Archivalien, sondern auf mein Gedächtnis, wohl wissend, dass dieses die Vergangenheit immer mit konstruiert oder erfindet und dass manchmal nichts irreführender sein kann, als Augenzeugenberichte, die oral history, für bare Münze zu nehmen. Vielleicht kommt für mich noch einmal die Zeit, meine Erinnerungen mit vorhandenen Dokumenten, nicht zuletzt aus meinem privaten Archiv, zu konfrontieren.

Es ist sicher richtig, dass die Medizinstudierenden eher eine marginale Rolle bei der 68er Studentenbewegung spielten und ihre Widerstände gegen die „Revoluzzer“ stärker als in anderen Fachbereichen waren. Gleichwohl standen medizinische Themen regelmäßig im Brennpunkt der allgemeinpolitischen Debatten: die Menschenwürde und ihre verbrecherische Missachtung; die Gesundheit ruinierenden und Leben vernichtenden Folgen von Krieg und Massenelend; die entfremdete, Leib und Seele zerstörende Arbeit im Kapitalismus; die krank machende Fremdbestimmung der Heranwachsenden und Unterdrückung ihrer Lebendigkeit nicht zuletzt auf sexuellem Gebiet. Zudem ist die Bedeutung der „Krankheit“ als allgemeine Metapher im Diskurs der 68er kaum zu überschätzen. Sie erklärte die „(spät)kapitalistische“ Gesellschaft zu einer kranken Gesellschaft, die nur durch radikale Umgestaltung, ja durch eine Revolution zu heilen sei. In den quasi religiösen Heilsversprechen mancher politischer Gruppierungen waren – wie zu früheren Zeiten – insbesondere medizinische Analogien virulent.

Als ich im Frühjahr 1966 als 19jähriger nach Heidelberg kam, um Medizin zu studieren, lag etwas in der Luft. Der zauberhafte Heidelberger Frühling verhieß nicht nur einen Neuanfang in meinem Leben, das ich bis dahin zurück gesetzt in der Rheinpfalz verbracht hatte. Er ließ subtil auch eine größere Wende erahnen, die sich in zahllosen Diskussionen in meinem Studentenwohnheim an der Bergstraße, in der Evangelischen Studentengemeinde, in der Mensa und anderswo ankündigte. Der Protest gegen die brutale Kriegsführung der USA in Vietnam gehörte zu den Schlüsselerlebnissen. Die in den Medien erscheinenden Bilder und Berichte über den Vernichtungsfeldzug mit Napalm-Bomben und „free fire zones“ rüttelten gerade die Mediziner auf. Erich Wulff (Pseudonym: Georg W. Alsheimer), der als Arzt über seine „vietnamesischen Lehrjahre“ berichtete, war schon bald nach Erscheinen seines Buches 1968 ein begehrter Referent bei studentischen Veranstaltungen. Ich habe ihn später in München vortragen hören.

Das große Zauberwort jener Zeit hieß „Bewusstseinserweiterung“, die tatsächlich von anerzogenen Hemmungen im Denken und Handeln ein Stück weit befreite. Es gab eine kurze Zeit, vielleicht zwei oder drei Jahre, in der die bewegten und sich bewegenden Studenten in der überwiegenden Mehrzahl ihr Weltbild, ihren Lebensentwurf und ihr praktisches Verhalten grundlegend änderten und sich für neue Themen öffneten, ohne sich schon einer bestimmten politischen Dogmatik oder gar Vereinigung unterzuordnen. Für meine Heidelberger Zeit bis zum Sommer 1968 – ich wechselte dann zur neu gegründeten Medizinischen Fakultät der TU München – waren zwei „Netzwerke“ von großer Bedeutung: Zum einen die intensive und teilweise hitzige Gesprächsatmosphäre im Evangelischen Studentenwohnheim der Keller-Thoma-Stiftung, wo sich zwei Fraktionen miteinander stritten: die Sozialisten auf der einen und die Pietisten auf der anderen Seite, dazwischen die „Scheißliberalen“, denen Glaubenskämpfe per se suspekt waren. Zum anderen die manchmal nicht weniger hitzigen Debatten in den Seminaren über psychosomatische Medizin und medizinische Anthropologie im Sinne Viktor von Weizsäckers, die Wolfgang Jacob, mein späterer Doktorvater, kontinuierlich für einen Kreis von interessierten Studenten und Ärzten abhielt. Hier wurde vor allem Kritik an der „herrschenden“ naturwissenschaftlichen Medizin geübt, indem man einschlägige, insbesondere Weizsäcker’sche Texte, referierte und diskutierte. Solche seminaristischen Aktivitäten spiegelten insofern Themen der 68er Studentenbewegung in der Medizin wider, als sie sich mit den Verbrechen von Ärzten im Nationalsozialismus und inhumanen Zuständen in psychiatrischen Anstalten auseinandersetzten und für eine neue Sensibilität der Universitätsmedizin für sozialmedizinische und medizinpsychologische Belange der Krankenversorgung warben.

Es gab Schlüsselerlebnisse für meine „Bewusstseinerweiterung“. Ich erinnere mich an eine eindrucksvolle Szene während einer Veranstaltung in einem großen, überfüllten Hörsaal, bei der es um die Zwangssterilisation im „Dritten Reich“ ging. Wahrscheinlich war sie vom Heidelberger Arbeitskreis „Medizin und Verbrechen“ der „Kritischen Universität“ organisiert worden (vgl. S. 35). Als ein Großordinarius der Inneren Medizin erklärte, der Eingriff bei Männern sei doch medizinisch ziemlich harmlos, ergriff eine engagierte Teilnehmerin, die ich aus Jacobs Seminar kannte, das Wort und rief mit überaus lauter, zorniger Stimme: „Wenn das so harmlos ist, fordere ich Sie hiermit auf, sich doch sterilisieren zu lassen!“ Ich bewunderte ihren Mut.

Die „Gegenwärtigkeit der Vergangenheit“ konnte ich während der mündlichen Physikumsprüfung im Sommersemester 1968 erleben. Wir saßen in der üblichen Vierergruppe in einem Arbeitsraum mit hohen und dicht bestückten Bücherregalen. Der Anatomieprofessor fragte uns irgendwann während des Prüfungsgesprächs beiläufig allen Ernstes: „Woran können Sie ab welchem Monat einen Judenembryo von einem normalen deutschen unterscheiden?“ Uns Studenten verschlug es die Sprache. Auf diese Frage, die ja in keinem unserer Lehrbücher behandelt wurde, fiel uns natürlich keine Antwort ein. Triumphierend sagte der Professor: „Am Nasenknorpel, ab dem dritten Monat, das ist wissenschaftlich bewiesen.“ Er suchte in seinem Buchregal nach der entsprechenden Literatur, die dies belegen sollte, ohne sie jedoch zu finden. Das Thema ließ ihn nicht los. Und so fügte er hinzu: „Sie erkennen den Juden an seinen raffinierten, betrügerischen Handbewegungen, ich habe kürzlich einen hochintelligenten Juden mit einer „Eins“ aus dem Physikum geworfen, weil er unverschämt wurde und betrügen wollte.“ Wir waren baff. „Aber Herr Professor“, bemerkte ein Prüfling spitzfindig und provozierend, „man sagt doch, dass auch die Italiener wild gestikulieren und betrügen!“ „Mein lieber Herr Kommilitone“, lautete seine Antwort, „die Italiener machen es aus Spaß, den Juden ist es aber angeboren.“

Als ich zum klinischen Studium im Herbst 1968 an die TU München wechselte, war ich erstaunt über die dortige Ruhe und Behäbigkeit. Befand ich mich im unruhigen Heidelberg doch eher noch in der Rolle des Beobachters, so wurde ich in München durch Mitarbeit in AStA und Fachschaft Medizin rasch selbst zu einem politischen Akteur. Was ich in Heidelberg erfahren und gelernt hatte, konnte ich nun in der „Basisgruppe Medizin“ einsetzen, die medizinkritischen Analysen und politische Strategiediskussionen miteinander verknüpfte und durch Flugblätter, selbst veranstaltete Seminare und punktuelle Aktionen versuchte, mit mäßigem Erfolg die Medizinstudenten zu mobilisieren. Ein ständiger Kritikpunkt war das „autoritäre“ Verhalten der Ordinarien, dem man mit der Drittelparität in den Gremien beikommen wollte, und deren „Willkür“ bei den mündlichen Prüfungen, insbesondere im Staatsexamen. Man wollte „objektive“ Leistungskriterien. So erinnere ich mich, wie wir uns voller Eifer und gänzlich unkritisch bei der Testphase der multiple choice Prüfungen beteiligten, deren Praktikabilität damals in einem Forschungsprojekt für Deutschland erprobt wurde – ohne zu ahnen, welch problematische Folgen diese Prüfungsform für die medizinische Lehre noch haben würde.

Überregional kam es nach und nach zur Ideologisierung der Studentenbewegung, Gruppen bildeten sich, die häufig genug einen sektiererischen Charakter entwickelten und sich um mehr oder weniger charismatische Führerfiguren scharten. Als sich der SDS 1970 auflöste, war auch die Phase der „Bewusstseinserweiterung“, die ich im Heidelberger Frühling so stark empfunden hatte, vorbei. Als „(klein)bürgerlicher Intellektueller“ war man mit fragwürdigen Möchtegern-Avantgardisten und ihren Parteikadern unterschiedlicher Couleur konfrontiert: Marxisten-Leninisten, Stalinisten, Maoisten, Trotzkisten, wobei mir die Letzteren als offenbare historische Verlierer (bekanntlich ließ Stalin Trotzki im Exil ermorden) noch am sympathischsten waren. Allen war gemeinsam, dass sie sich als selbsternannte Führer der Arbeiterklasse entsprechend gerierten. Im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) wurde die „Rote Fahne“ aus Peking wie das Evangelium gelesen und in eigenen Publikationsorganen den deutschen Genossen die neuesten Leitlinien vermittelt. Nicht nur die „Kulturrevolution“ erschien da in den rosigsten Farben, auch die Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha wurde als Akt der Befreiung gefeiert. Man darf sich heute fragen, was aus den damaligen Protagonisten und ihrem Fußvolk geworden ist. Manche haben es in der politischen Klasse (und nicht nur dort) bis ganz weit oben geschafft. Das Problem der Kontinuität betrifft nicht nur das „Dritte Reich“ und die DDR, sondern auch solche Ton angebenden Fraktionen der 68er politischen Avantgarde– allerdings mit dem großen Unterschied, dass sie – möglicherweise auch zu ihrem eigenen Glück – nie zur Macht gelangen und ihre Dogmatik in die Realität umsetzen konnten.

Was waren die weltanschaulichen Grundlagen? Einen großen Einfluss hatte die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. „Erkenntnis und Interesse“ (1968) von Habermas war die erste Schrift, die mir ein politisch erfahrener Kommilitone, ein Exilgrieche, zur Lektüre empfohlen hatte und deren Thesen ich mir voller Begeisterung aneignete. Doch schon bald setzten allenthalben die so genannten Kapital-Schulungen ein. Studenten lasen gemeinsam den ersten Band des „Kapital“ von Karl Marx, um die politökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus kennen zu lernen, die dann ungeachtet der historischen Distanz vielfach zur Erklärung der gegenwärtigen gesellschaftlicher Verhältnisse herhalten mussten. Ich habe mindestens drei unterschiedliche Marx-Rezeptionen kennen gelernt: (1) Eine ziemlich krude positivistische Aneignung der angeblichen Gesetze des Kapitals – vor allem von „Stamokap“-Anhängern gepflegt, die sich vornehmlich an der Lehre des Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung orientierten; (2) eine intellektuell ansprechendere Auseinandersetzung mit dem „Kapital“, wie sie die Marxistische Gruppe (MG) vor allem in München in großem Stil pflegte, bei der die „Kritik der bürgerlichen Wissenschaft“ im Mittelpunkt stand; und schließlich, nachdem ich 1972 nach Heidelberg zurückgekehrt war, (3) die akademische Analyse des „Kapital“ vor dem Hintergrund der Hegelschen „Logik“, wie sie der Philosoph Michael Theunissen als große Seminarveranstaltung mit Tutorien in Heidelberg anbot.

Außerhalb der ideologisch festgelegten und parteimäßig etablierten Gruppierungen gab es freilich ein großes Anliegen, das bei den 68ern eine überragende Bedeutung hatte: die Zusammenführung von Marxismus und Psychoanalyse, die Kombination von Marx und Freud, um die jeweiligen offensichtlichen Defizite zu beheben. Die Geringschätzung der Subjektivität durch den Marxismus sollte durch die Psychoanalyse und die Ausklammerung gesellschaftlicher Unterdrückung in der Psychoanalyse durch den Marxismus gewissermaßen geheilt werden. Ich plante sogar zeitweilig ein philosophische Dissertation unter dem Arbeitstitel: „Der Mehrwert und das Unbewusste“, wovon ich dann abrückte, um mich als Mediziner auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds zu beschränken. Die Schriften von Wilhelm Reich und Herbert Marcuse rückten rasch in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und boten sozusagen die theoretische Begleitmusik zur „sexuellen Revolution“, die in diesem Zusammenhang als wichtige Voraussetzung der politischen Revolution angesehen wurde.

Als Stipendiat des DAAD studierte ich 1969/70 zwei Trimester lang an der University of Glasgow (Royal Infirmary) – ein wunderbarer Kulturschock für einen 68er Studenten aus Deutschland. Schottland bildete eine Insel auf einer Insel, alles verlief in seinen traditionellen Bahnen. Allerdings hatte man gerade die Prügelstrafe in Schulen abgeschafft und im Studentenparlament, zu dem Frauen noch nicht zugelassen waren, imitierten studentische Gruppierungen das Gebaren im Westminster Parliament. „Should we join the Common Market?“ ist mir als Thema einer großen Debatte noch in Erinnerung. Von Studentenbewegung, Antivietnam-Demonstrationen oder dergleichen keine Spur. Ich war ungeduldig und wollte unbedingt Herbert Marcuses „Triebstruktur und Gesellschaft“, das in Deutschland hohe Wellen schlug, im englischen Original (Eros and Civilization) anschaffen. Es war in den Universitätsbuchhandlungen nicht verfügbar und ich hatte nicht den Eindruck, dass außer mir noch irgendjemand an dem Buch Interesse hatte. Es wurde schließlich in London bestellt und traf immerhin schon nach einer Woche in Glasgow ein.

Mit dem Auftauchen des Terrorismus in Form der 1970 gegründeten RAF und dem Abtauchen ihrer Mitglieder in den Untergrund war es mit der Leichtigkeit des Links-Seins vorbei. Aus der in marxistisch-leninistischen Zirkeln nur abstrakt diskutierten notwendigen Gewalt einer Revolution wurde plötzlich blutiger Ernst. Aber die Stimmung in Deutschland war alles andere als revolutionär, weder bei der Masse der Studenten noch in der Bevölkerung überhaupt. Es kam zur doppelten Isolierung: Die RAF und ihre Anhänger waren innerhalb der allmählich verebbenden Studentenbewegung ähnlich isoliert, wie diese insgesamt innerhalb der nicht-studentischen Bevölkerung. Dies lag nicht zuletzt an der schlichten Tatsache, dass ökonomischer Wohlstand und gute Karriere-Aussichten letztlich idealistische revolutionäre Ambitionen oder gar terroristische Aktionen ins Leere laufen ließen. Die moralischen Proteste, so vernünftig und überzeugend sie auch waren, führten zu nicht immer gewaltfreien Aktionen. Deren Funken konnten aber nicht das Feuer jener Revolution entzünden, über die in romantischen Träumereien spekuliert wurde, ohne sich an bekannten historischen Beispielen die schrecklichen Begleitumstände und Folgen klar zu machen.

Die Jahre bis zum Deutschen Herbst 1977, die ich in Heidelberg verbrachte, waren geprägt von einer diffusen Angst. Der Staat reagierte, wie nicht anders zu erwarten, mit seinen Instrumenten hart und energisch auf den wirklichen oder vermeintlichen Terrorismus. Hausdurchsuchungen, Festnahmen, Verhöre, Telefonüberwachung waren an der Tagesordnung und erzeugten ein Klima der Verfolgung auch bei denen, die mit terroristischen Vereinigungen nichts im Sinn hatten und auch zu stalinistischen oder maoistischen Zirkeln Distanz hielten. Der Verfassungsschutz wurde von vielen Intellektuellen – wir würden heute von „kritischen Bürgern“ sprechen – zunehmend als Bedrohung der persönlichen Freiheit und des Rechtsstaats wahrgenommen. Es gab ein Schlagwort, das höchst gefährlich werden konnte, nämlich „Sympathisant“ (der RAF). Bestimmte persönliche Kontakte, das Abonnieren bestimmter Zeitungen, die Teilnahme an bestimmten Veranstaltungen, die Unterschrift unter einem Protestschreiben – vieles konnte von den Behörden insgeheim als Indiz gewertet werden. Der „Radikalenerlass“ von 1972 unter Bundeskanzler Willy Brandt, der „Berufsverbote“ im Öffentlichen Dienst vorsah, sorgte für große Aufregung. Selbst für studentische Hilfskräfte war die „Regelanfrage“ beim zuständigen Landesamt für Verfassungsschutz vorgeschrieben. Sie konnten nur nach positivem Bescheid (im Volksmund: „Persilschein“) von der zuständigen Behörde eingestellt werden. Ich möchte nicht verschweigen, wie ich selbst einmal Bekanntschaft mit dem „Radikalenerlass“ machte.

Im Juli 1973 ordnete der Bundesgerichtshof (BGH) auf Antrag der Bundesanwaltschaft eine Hirnszintigraphie bei der inhaftierten Ulrike Meinhof an (die ohnehin überflüssig gewesen wäre, wie sich später herausstellte). Da sich diese der Maßnahme widersetzen wollte, sollte die Untersuchung unter Zwangsnarkose durchgeführt werden, was lebensgefährlich gewesen wäre. Eine Erklärung mit Unterschriftenliste kursierte vor der Heidelberger Mensa am Marstallhof, die aus rein medizinischen Gründen gegen die geplante Durchführung der Zwangsuntersuchung Stellung bezog. Sie wandte sich an Medizinstudierende und Ärzte. Als Medizinalassistent setzte ich meine Unterschrift auf das Papier. Offenbar waren die Initiatoren als „Sympathisanten“ ohnehin schon im Visier des Verfassungsschutzes, so dass für die Behörde klar war, dass jeder, der unterschrieben hatte, ebenfalls als „Sympathisant“ einzustufen sei. Als ich einige Zeit später als Tutor am Philosophischen Seminar eingestellt werden sollte, warteten wir vergebens auf den „Persilschein“. Nachfragen verliefen zunächst im Sande. Schließlich konnte der zuständige Professor einen Kontakt mit einem Ministerialbeamten herstellen, der sich nicht festlegen wollte, aber immerhin erfuhr so ich seinen Namen. Ich rief diesen nun selbst an und erklärte ihm, dass ich als Mediziner unter keinen Umständen bei wem auch immer eine Zwangsnarkose zu diagnostischen Zwecken billigen könnte. Im Übrigen sei mir alle Gewalt zuwider und für die RAF hätte ich nie Sympathien gehegt. Nach Wochen des Wartens kam schließlich die erforderliche Bescheinigung ohne weiteren Kommentar. Als ich Jahre später – ebenfalls in Baden-Württemberg – eine Assistentenstelle einnehmen wollte, kam es zu ähnlichem Spiel. Offenbar wurde ich in der Personalakte immer noch als „Sympathisant“ geführt. Glücklicherweise ist das Berufsverbot dann aber an mir vorbeigegangen.

Dieses Klima des institutionalisierten Misstrauens ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Der „Polizeistaat“ schien vor der Tür zu stehen. Freilich muss dies auch im Kontext des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs gesehen werden, wo Spionage und Spionageabwehr ohnehin eine große Rolle spielten. Sensible Menschen gerieten dadurch besonders in Gefahr, bei den staatlichen Maßnahmen Realität und Einbildung nicht mehr genau voneinander trennen zu können (was ohnehin vielfach, etwa beim Telefonabhören, unmöglich war) und somit eine Art Verfolgungswahn entwickelten. Behörden konnten in die Privatsphäre eingreifen. So konnte ein Vermieter Besuch von Verfassungsschützern erhalten, die ihm erklärten, dass sein Mieter „Sympathisant“ sei und deshalb die Wohnung zu kündigen sei – wenn er sich nicht selbst dem Verdacht aussetzen wolle „Sympathisant“ zu sein. Ein solcher Ruf sei freilich für sein gut gehendes Geschäft nicht von Vorteil etc. Mir ist keine Studie bekannt, die sich den Schicksalen derjenigen gewidmet hätte, die dieser aufgeheizten Situation, die im Deutschen Herbst ihren Höhepunkt erreichte, zum Opfer fielen. Manches Leben endete im Suizid – ganz abgesehen von den mysteriösen Vorgängen in Stammheim.

Doch diese düsteren Aspekte der auslaufenden 68er Studentenbewegung waren in meiner Erinnerung keineswegs vorherrschend. Sie wurden sozusagen überstrahlt von Neuerungen, die gerade von den jüngeren Medizinern begrüßt wurden und die man im Sinne der vorliegenden Studie wirklich als „Paradigmenwechsel“ (siehe Kapitel 6) bezeichnen kann. Erstmals in der Nachkriegszeit rückten sozialmedizinische Belange in den Vordergrund. Besonders deutlich zeigte sich dies im Aufbau des Rehabilitationswesens, wobei der Standort Heidelberg eine Vorreiterrolle in Deutschland übernahm. „Arbeit und Krankheit“, wie auch der Titel meiner medizinischen Dissertation von 1974 lautet, wurden nun in ihrer gesundheits- und sozialpolitischen Relevanz aufeinander bezogen. Die Eingliederung bzw. Wiedereingliederung von Kranken und Behinderten in das Berufsleben war eine Idee, die in Zeiten des Wirtschaftswunders und des florierenden Arbeitsmarktes überzeugte und begeisterte. Ähnlich erfreulich waren die praktischen Folgen der Psychiatriereform. Gerade für die „kleinen Fächer“ boten sich Chancen: neue Disziplinen konnten sich etablieren, bereits etablierte wie die Medizingeschichte konnten sich ausbreiten und ausdifferenzieren. Die Missstände in Medizin und Gesellschaft erweckten den Optimismus, sie mit Energie und gutem Willen bewältigen zu können. Die soziale Marktwirtschaft wurde von der überwältigenden Mehrheit der Bürger als funktionierendes Erfolgsmodell wahrgenommen, zu dessen Optimierung nun manche Vorschläge der 68er nützlich schienen.

Die 68er markierten einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel im Westdeutschland der Nachkriegszeit, den man auch im internationalen Maßstab als Normalisierung und Modernisierung beschreiben könnte. In der Medizin kam es einerseits – unabhängig von den 68ern – zu einem wissenschaftlich-technologischen Wandel, und andererseits – beeinflusst von den Ideen der 68er – zu einem Wandel im Verständnis von sozialmedizinischen Parametern, insbesondere im Hinblick auf das Arzt-Patienten-Verhältnis. Besonders manifestierte sich dies in der Psychiatriereform, der Integration von „kleinen Fächern“ wie medizinische Soziologie und Psychologie, Sozialmedizin sowie dem Ausbau der Rehabilitationsmedizin. Der Blick der Historiographie ist zumeist auf die herausragenden Akteure und ihre Zeugnisse gerichtet, während eine Untersuchung ihrer Breitenwirkung häufig zu kurz kommt. Bei den Akteuren können wir sowohl krasse Irrtümer als auch richtige Intuitionen ausmachen. Eines ist klar: „Die“ 68er hat es so nie gegeben. Es gab aber Grüppchen und Vereinigungen, Einzelgänger und Salonlöwen, Asketen und Hedonisten, die sich auf recht unterschiedliche Weise mit recht unterschiedlichen Vorstellungen und Zielsetzungen gleichzeitig bewegten und betätigten – unabhängig voneinander und doch aufeinander bezogen. Das macht den 68er Umbruch aus heutiger Sicht so überaus faszinierend. Ich danke Ralf Forsbach, dass er mir die Gelegenheit gibt, diese „Erinnerungsspuren“, zu denen mich seine Studie angeregt hat, als Nachwort zu publizieren.

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