Eduard Seidler, Mitglied der Leopoldina — Glückwunschschreiben zum 80. Geburtstag

Diese Laudatio wurde unverändert abgedruckt im

Jahrbuch 2009, Reihe 3, Jahrgang 55. Hg. von Volker ter Meulen, Präsident der Akademie.  Deutsche Akademie der Wissenschaften – Leopoldina, Halle (Saale). Stuttgart: Wiss. Verlagsgesellschaft, 2010, S. 297-300. Im Folgenden mein Manuskript. 

Eduard  Seidler zum 80. Geburtstag

Entwurf für eine Laudatio

Herrn Prof. Dr. med. Eduard Seidler

Bernhardstraße 1

79098 Freiburg im Breisgau

Halle (Saale), zum 20. April 2009

Sehr verehrter, lieber Herr Seidler,

1991 wurden Sie zum Mitglied der Leopoldina gewählt, und Sie haben seitdem in vielfältiger Weise das Leben unserer Akademie bereichert. Wir möchten vorab ein anderes Mitglied zitieren, das bereits 1818 gewählt wurde, und in seinem achten Lebensjahrzehnt den denkwürdigen Ausspruch formulierte:

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen was ich leide.

Gerade vor wenigen Wochen haben Sie in Halle im Rahmen des Wissenschaftshistorischen Seminars der Leopoldina einen Vortrag über Goethes Leiden und Krankheiten gehalten, die in seiner „Marienbader Elegie“ wohl in sublimster Form zum Ausdruck kommen. Eine solche Thematik bedeutet für Sie indes keine Lust am pathographischen Enthüllen, sondern zielt unmittelbar auf den Fokus ihres ärztlich motivierten Forschungsinteresses als Medizinhistoriker ab, nämlich das subjektive Leiden des kranken Menschen und den Umgang des Arztes mit ihm.

Sie wurden am 20. April 1929 in Mannheim geboren. Ihre Schulzeit absolvierten Sie in Mannheim und Mainz, wo Sie das Abitur ablegten und 1947 Ihr Medizinstudium aufnahmen. Sie studierten auch in Paris, was für einen Deutschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit außergewöhnlich war, und schließlich in Heidelberg, wo Sie 1953 das Studium mit Staatsexamen und Promotion abschlossen. Anschließend arbeiteten Sie am Institut für experimentelle Krebsforschung der Universität Heidelberg (Prof. Lettré), dem Vorläufer des späteren Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), und wechselten 1954 zur klinischen Weiterbildung an die Universitäts-Frauenklinik Hamburg (Prof. Schubert). Von 1955 bis 1963 waren Sie dann an der Universitäts-Kinderklinik in Heidelberg (Prof. Bamberger) ärztlich und wissenschaftlich tätig und erhielten 1961 die Anerkennung als Facharzt für Kinderheilkunde. Im Alter von 34 Jahren vollzogen Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn eine tief greifende Wende: Sie wurden 1963 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg (Prof. Schipperges), an dem Sie sich 1965 habilitierten. 1968 nahmen Sie einen Ruf auf den neu errichteten Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg im Breisgau an und wurden Direktor des gleichnamigen Instituts. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang haben Sie Ihr Amt mit all seinen Aufgaben und Verpflichtungen ausgeübt. Als Forscher und wissenschaftlicher Autor sind Sie seit Ihrer Emeritierung im Sommersemester 1994 bis auf den heutigen Tag aktiv geblieben – viel gefragt als Referent und Berater.

Ihre Habilitationsschrift haben Sie der Heilkunde des ausgehenden Mittelalters in Paris gewidmet. Sie beruht auf Forschungen während zweier Studienaufenthalte in der französischen Hauptstadt, die Ihnen ja schon aus Ihrer Studentenzeit vertraut war. Sie haben sich jedoch nicht nur der Geschichte der gelehrten Universitätsmedizin zugewandt, sondern zugleich die Krankenpflege in den Blick genommen. Immer wieder hoben Sie sowohl in Lehrveranstaltungen als auch in Ihren Publikationen hervor, wie wichtig die Krankenpflege gerade für die „armen Kranken“ gewesen sei. Sie zeigten auf, wie ihre Ursprünge auf die christliche Caritas und die entsprechenden Pflegeorden zurückzuführen und wie sehr ärztliche Kunst und Krankenpflege gerade auch heutzutage aufeinander angewiesen sind. Ihr Lehrbuch „Geschichte der Medizin und Krankenpflege“, das inzwischen in der siebten überarbeiteten und erweiterten Auflage erschienen ist, legt von dieser Einstellung Zeugnis ab. Ihre Hauptvorlesung, die sich in jedem Semester einem anderen Thema zuwandte, war ein Ereignis mit großer Anziehungskraft, das weit über die regulären Medizinstudenten hinaus einen großen Hörerkreis erreichte. Ähnliches lässt sich von Ihren Seminaren sagen, in denen Sie Ihre Kunst, aktuelle Fragen der Medizin in anregender Form historisch zu thematisieren, immer wieder unter Beweis stellten. Die mehr als 150 Dissertationen, die Sie betreut haben, dokumentieren Ihr Engagement in der Lehre.

Seit Ihrer Berufung nach Freiburg haben Sie sich neben allgemeinen medizinhistorischen Fragestellungen auch mit der lokalen und regionalen Medizingeschichte befasst, insbesondere mit der Hospitalgeschichte sowie der Geschichte der Medizinischen Fakultät, die Sie vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Heilkunde von ihrer Gründung 1457 bis zur Gegenwart auf der Grundlage eines intensiven Quellenstudiums ausführlich darstellten. Das Ergebnis dieser Forschungen legten Sie mit Ihrem 1991 publizierten Werk vor, dessen vollständig überarbeitete und erweiterte Neuauflage anlässlich der 550-Jahr-Feier der Universität Freiburg erschien: „Die Medizinische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau“. Dieser Band in der Reihe „Freiburger Beiträge zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte“ setzt Maßstäbe.

Als Medizinhistoriker haben Sie sich schon zu einer Zeit mit ethischen Problemen der Medizin auseinandergesetzt, als die medizinische Ethik, ihre Begrifflichkeit und administrativ-rechtliche Implementierung allererst Gestalt anzunehmen begannen. In enger Abstimmung mit den klinischen Disziplinen und der Rechtswissenschaft (Prof. Eser), haben Sie eine Forschungsstelle Ethik und Recht in der Medizin (FERM) initiiert und ab 1989 geleitet, die Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete. Dabei haben Sie Ethik in der Medizin stets als eine interdisziplinäre Aufgabe angesehen, die nicht an einen einzelnen Spezialisten delegiert und damit gewissermaßen „entsorgt“ werden sollte. Kliniker, Biomediziner, Juristen, Seelsorger, Geistes- und Sozialwissenschaftler, Patientenvertreter und last but not least Medizinhistoriker sollten sich in den betreffenden Gremien und Projekten Gedanken machen und diese nach Möglichkeit in die Lehre einbringen. Freilich sind Sie über eine bestimmte wissenschaftspolitische Tendenz in den letzten Jahren nicht glücklich, welche die medizinische Ethik auf Kosten der Medizingeschichte etablieren will, wie das an einzelnen medizinischen Fakultäten geschehen ist.

Nach Ihrer Emeritierung haben Sie in einer Art Synthese Ihr Engagement als Kinderarzt mit Ihrer Arbeit als Medizinhistoriker verbunden: Sie erforschten die Lebens- und Leidenswege von jüdischen Kinderärzten während der Zeit des Nationalsozialismus und die darüber hinausreichenden Familienschicksale, die heute noch schmerzlich berühren, „eine Geschichte ohne Ende“, wie Sie es kürzlich bei einer Begegnung mit Paul Oestreicher (geb. 1931) formuliert haben. Der bekannte anglikanische Priester und Mitbegründer von amnesty international ist Sohn des gleichnamigen Kinderarztes. Diesem war es als (deutschnational eingestelltem) Juden nach langem Zögern 1939 noch gelungen, mit seiner Familie nach Neuseeland zu emigrieren. Dank Ihrer Forschungen wissen wir heute, dass 1933 mehr als die Hälfte (51,5%) der Kinderärzte in Deutschland, nämlich 638, davon 204 Frauen, jüdischer Herkunft waren. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGKJ) konnten Sie durch jahrelanges akribisches Recherchieren 560 Schicksale aufklären und in Ihrem Werk „Kinderärzte 1933- 1945: entrechtet – geflohen – ermordet“ dokumentieren, das 2000 erschienen ist (überarbeitete Neuauflage 2007). Auf der Grundlage Ihrer Forschungsergebnisse veranstaltete die DGKJ im Rahmen ihrer Jahrestagung am 3. Oktober 1998 in Dresden eine öffentliche Gedenkfeier für ihre zwischen 1933 und 1945 verfolgten, vertriebenen und ermordeten Kolleginnen und Kollegen. Seit Jahren korrespondieren Sie weltweit mit den Nachkommen dieser Opfer der NS-Verfolgung, woraus sich manche Freundschaft ergeben hat.

Neben der Institutsleitung haben Sie unterschiedliche Aufgaben im Rahmen der Universität, der Medizinischen Fakultät sowie verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen und Fachgesellschaften übernommen. So waren Sie Prorektor (1971-1974), Prodekan und Dekan (1979-1981), Vorsitzender der Ethik-Kommission der Landesärztekammer Baden-Württemberg (1983-1990), Präsident der von Ihnen mitbegründeten Akademie für Ethik in der Medizin (1988-1992) und bis 2008 Vorsitzender der Historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGKJ). Sie sind Ehrenmitglied der DGKJ sowie der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin. Bereits 1972 wurden Sie für Ihre Forschungen zur französischen Medizingeschichte geehrt und zum Chevalier dans l’Ordre des Palmes Académiques ernannt. Für Ihre Forschungen zur Rolle der Medizin im Nationalsozialismus wurden Sie 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse in Berlin ausgezeichnet, und die Israeli Pediatric Association ernannte Sie 2007 auf ihrer Jahresversammlung in Tel Aviv zum Ehrenmitglied. Die Tatsache, dass diese Fachgesellschaft erstmals eine solche Auszeichnung vergab, unterstreicht die hohe Wertschätzung Ihrer Person und Forschungsleistung.

Wer die Stimmen aus dem Kreis Ihrer Schüler und Freunde hört, weiß, dass Ihr Lebenswerk auch als Auftrag wahrgenommen wird. Ihr medizinhistorisches Interesse gilt in erster Linie dem ärztlichen Handeln, das nach Ihrer Überzeugung stets von der anthropologischen Grundfigur von „Not und Hilfe“ auszugehen hat. Damit folgten Sie mit eigenem Impetus der medizinhistorischen Perspektive, die Ihr akademischer Lehrer Heinrich Schipperges eindrucksvoll eröffnet hatte. Für Sie war die Sorge um die ärztliche Ausbildung, letztlich um die Bildung des „guten Arztes“, eine entscheidende Triebfeder Ihres Forschens und Lehrens. Ihnen ging es dabei um die Sensibilisierung von Studierenden und Ärzten, aber auch um die von Krankenpflegern und -schwestern sowie anderen Berufsgruppen, die mit Medizin und Gesundheitswesen befasst sind. So formulierten Sie vor mehr als drei Jahrzehnten Ihr wissenschaftliches Credo, wonach Medizingeschichte ein „unentbehrliches Instrumentarium für die Offenlegung der Probleme des gegenwärtigen Systems der theoretischen und praktischen Medizin“ sein solle. Sie machten auf die intrinsische Bedeutung der „historischen Methode“ für die klinische Medizin aufmerksam. Diese sei ja immer schon mit der Krankengeschichte konfrontiert und lasse dabei oft ihre eigene Geschichtlichkeit außer Betracht: „Je mehr die Medizin aus ihrer rein naturwissenschaftlichen Periode heraustreten wird, je mehr sie von sich aus ihr System und ihr Konzept überdenken wird, je mehr sie sich vor allem im Rahmen ihrer technischen Möglichkeiten zu einem ärztlichen Verhalten entscheiden muß, um so relevanter wird auch die historische Methode als instrumentaler Beitrag zu einer umfassenderen Theorie der Medizin“ (Med. Klinik 1975; 70:726-731).

Zu Ihrem 80. Geburtstag wünschen wir Ihnen, lieber Herr Seidler, von Herzen Gesundheit, Schaffenskraft und Lebensfreude sowie ein „Netzwerk“, das Sie mit Ihrer Familie, Ihren Freunden und Kollegen weiterhin so wohltuend verbindet. Der 20. April ist in familiärer Hinsicht als Datum gewissermaßen „überdeterminiert“: Just am selben Tag hat auch Ihre Frau Ursula Seidler Geburtstag, die Ihnen auf dem soeben skizzierten Lebensweg früh begegnet ist und Sie seither begleitet, und mit der Sie vier Kinder haben. Auch Ihnen, liebe Frau Seidler, gelten unsere herzlichen Glückwünsche!

Mit herzlichen Grüßen

Volker Ter Meulen                                                 Heinz Schott (Bonn)

Präsident

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